Accion de mujeres sin rostro / Aktion von Frauen ohne Gesicht

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5. Werkleitz Biennale 2002 Zugewinngemeinschaft
Accion de mujeres sin rostro / Aktion von Frauen ohne Gesicht
DE 2002

Die Arpilleras (gestickte Wandbilder) wurden während der Zeit der Diktatur von chilenischen Frauen von Hand hergestellt. Heute nehmen wir, die hier Anwesenden, die Idee dieser Frauen wieder auf und treten in Aktion, damit sich die Welt darüber bewusst wird, dass es uns gibt, besonders in Deutschland.

Der Gedanke der Arpilleras wurde in Zusammenhang mit der grausamen Praxis der Deportation wieder aufgenommen und damit die Menschenrechte respektiert werden. Dies ist eine Form des Protests, dass es uns die Situation nicht erlaubt, frei zu handeln und wir unsere Gesichter verbergen und im Untergrund leben müssen. Vereint haben wir jedoch die Hoffnung, dass sich dies bald ändern werde. (Mujeres sin rostro).

Warum wir hier sind

Rosa: Unsere Anwesenheit in diesem Land ist nicht zufällig, und noch weniger sind wir hier, weil wir besonders abenteuerlustig wären. Wir sind auch nicht hier, weil das Klima so besonders beneidenswert ist und noch weniger, weil die deutsche Bevölkerung insgesamt so unvergleichlich nett ist. Wir sind hier, weil wir die Folgen einer harten Wirtschaftspolitik tragen, die Organisationen wie die Weltbank und der Internationale Währungsfondsüber viele Jahre hinweg in unseren Ländern durchgesetzt haben. Diese Situation ist so gravierend, dass sie in unseren Gesellschaften eine normale Entwicklung der Bildung, der Gesundheitsversorgung, des Angebots von Wohnraum usw. auf unbestimmte Zeit gebremst hat. Jeden Tag sieht sich Lateinamerika und ganz allgemein die so genannte „Dritte Welt“ mit dieser schrecklichen und erzwungenen Realität konfrontiert. Dazu kommt, dass die Globalisierung, ein Phänomen, das sich immer mehr ausweitet, unsere Länder nach ihren Maßstäben beherrscht, unterordnet und ihre Regeln durchsetzt. Angesichts solcher Bedingungen, angesichts dieser aufoktroyierten Situation, wie kann es da immer wieder zu Kommentaren über Migration kommen, die jeder Grundlage entbehren und die sich damit beschäftigen, warum wir hier in Deutschland sind, oder in anderen ökonomisch mächtigen Ländern leben? Wir glauben daher, dass die permanente Frage, warum wir hierhergekommen sind, völlig überflüssig ist. Wir MigrantInnen fragen uns auch: Welches Recht haben die transnationalen Wirtschaftsorganisationen und die Industrieländer, solch grenzenlose Kontrolle über unsere Länderauszuüben – eine Kontrolle, die so weit geht, dass sie uns in die extreme Armut führt? Es ist für alle offensichtlich, dass drei Viertel der weltweiten Reichtümer von nur einem Viertel der Weltbevölkerung genutzt werden – selbstverständlich gehört Deutschland dazu. Die Lebensbedingungen von uns MigrantInnen sind sehr schwierig. Wir leben in diesem Land völlig ohne Zugang zu den grundlegendsten sozialen Bedingungen wie Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnung und Arbeit. Und als ob das noch nichts wäre kommt dazu diese tägliche Anspannung, die sich daraus ergibt, jederzeit verhaftet und abgeschoben werden zu können – also Maßnahmen ausgeliefert zu sein, die sonst gegen Kriminalität eingesetzt werden. Warum? Was ist das Delikt? Zu der mangelnden Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse, zu der Bedrohung durch Abschiebung kommt auch noch die schäbige Kampagne, uns mit Kriminalität in Verbindung zu bringen. Daraus resultiert wiederum Ausländerfeindlichkeit, die immer noch in einem Teil der deutschen Gesellschaft offensichtlich ist. Wir fordern eine menschliche, gerechte und solidarische Behandlung, wir bitten um und suchen nach Arbeitsmöglichkeiten, was unser Recht ist – ebenso wie wir das Recht haben, uns weiterzubilden und unser Leben hier aufzubauen. Bedenken Sie, geschätzter Leser und geschätzte Leserin: Wenn dieses und andere Länder sich daranhalten würden, zahlten sie damit nur einen Teil der täglichen und allumfassenden Ausbeutung in unseren Ländern zurück. Das ist uns Deutschland schuldig. Es ist unser Recht, hier zu bleiben! (Rosa, eine Migrantin aus Lateinamerika)

Gestickte Wandbilder, DE 2002. Ausstellungsort: Maschinen- und Traktorenstützpunkt Werkleitz.

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