A Tale of Stone and Wood

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A Tale of Stone and Wood

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A Tale of Stone and Wood
A Tale of Stone and Wood

Iris Dressler

HELENE SOMMER, A Tale of Stone and Wood

Eine vorzeitige Betrachtung

Vorbemerkung

Der folgende Text zu Helene Sommers Videoarbeit A Tale of Stone and Wood ist zu einem Zeitpunkt verfasst worden, als sich die fragliche Arbeit noch inmitten ihres Entstehungsprozesses befand. Er basiert auf den Projektangaben der Künstlerin, einem e-mail-Austausch sowie erstem filmischen Rohmaterial. Diese Ressourcen weisen bereits auf die Kontexte, ästhetischen Strategien sowie die Vielschichtigkeit der noch zu realisierenden Arbeit hin. All diesem kann hier jedoch nur bedingt Rechnung getragen werden.

Jeder Text über ein Kunstwerk ist eine Interpretation, über die sich die Projektionen des Autors oder der Autorin einschreiben. Bei dem vorliegenden Text mag dies auf Grund seiner Vorzeitigkeit, einer Zeitverschiebung, die das, was entstehen wird, in gewisser Weise überspringt und aus einer konstruierten Zukunft heraus betrachtet, in besonderem Maße der Fall sein. Zugleich führt dieser Umstand jedoch direkt in eines der zentralen Auseinandersetzungsfelder hinein, um das Helene Sommers Arbeit kreisen wird: Die Mechanismen und Effekte der Übertragung, Übersetzung und Interpretation und das Problem von Zeitlichkeit. Dabei bedient sie sich Taktiken der De- und Rekontextualisierung, die eine kohärente, lineare Narration unterlaufen. In diesem Sinne versteht sich auch dieser vorläufige Text als eine offene Montage verschiedener möglicher Ansätze.

Ein Bergdorf

A Tale of Stone and Wood untersucht das Kino im Hinblick auf dessen Konstruktionen von Geschichte, nationaler Identität und kollektivem Gedächtnis. Ausgangspunkt ist dabei das in den bulgarischen Rhodopen gelegene Bergdorf Kovatchevitsa, das mit seinen historischen, aus Stein und Holz gebauten Häusern in den 1970er Jahren zu einem beliebten Drehort der bulgarischen Filmindustrie avancierte. Die damals vom kommunistischen Regime infiltrierten „Boyana Film Studios“ produzierten dort einige ihrer erfolgreichsten Filme, die wie Manly Times (Eduard Zakhariev, 1977) oder Measure for Measure (Georgi Djulgerov, 1981) nationale Mythen fokussieren und seitens der staatlichen Förderer die kulturelle Identität und das Nationalbewusstsein stärken sollten. Manly Times greift beispielsweise eine romantische Volkssage auf, das Epos Measure for Measure handelt vom Widerstand der Bulgaren gegen die osmanische Herrschaft. Eine der jüngsten postkommunistischen Filmproduktionen, die in Kovatchevitsa gedreht wurden, ist Radoslav Spasovs Film Stolen Eyes (2005), der die in den 1980er Jahren in Bulgarien verübten staatlichen Repressionen gegen die türkische Minderheit thematisiert. Das Dorf, in dem die Zeit seit Jahrhunderten stillzustehen scheint, bildet offenbar die ideale Kulisse für historisierende Erzählungen und bleibt gerade deshalb ohne Gegenwart. Es wird heute von der Tourismusindustrie als historisches und architektonisches Reservat, als ein „Märchen aus Stein und Holz“ beworben.1

Sichtung

Während ihres zweimonatigen Stipendiums am Medienkunstzentrum InterSpace in Sofia hat Helene Sommer Materialien zu insgesamt zwölf Filmen, die zwischen 1977 und 2006 in Kovatchevitsa gedreht wurden, zusammengetragen. Zudem hat sie eine Reihe von Interviews geführt, in denen sie Personen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe zu diesen Filmen befragt, darunter auch Radoslav Spasov, der in den 1970er Jahren nach Kovatchevitsa zog.

A Tale of Stone and Wood ist als eine Videomontage konzipiert, die auf komplexe Weise Found Footage mit eigenen Aufnahmen der Künstlerin von diversen Schauplätzen des Bergdorfes sowie von verschiedenen Situationen der Filmsichtung verknüpft. So begleitet die Kamera beispielsweise Spasov bei einem Rundgang durch das heutige Kovatchevitsa. Eine Einstellung zeigt die Apparatur eines analogen Schnittgeräts, über das eine Archivmitarbeiterin einen der Kovatchevitsa-Filme vorführt. An anderer Stelle schwenkt die Kamera vom Interieur eines Archiv- oder Büroraumes auf einen PC-Monitor, auf dem ein weiterer Film gesichtet wird.

Ebenen

Die verschiedenen Bildstränge, von den Sichtungsräumen und -apparaturen über die darauf zu sehenden Filme bis zu den aktuellen Aufnahmen der in diesen Filmen gezeigten Schauplätze, sind dicht miteinander verwoben. Der Rechercheprozess, der bekanntlich nicht neutral ist, sondern einem bestimmten Interesse folgt und somit der Interpretation der Künstlerin vorausgreift, ist für die Videoarbeit also ebenso relevant wie der Gegenstand der Recherche selbst: Und der ist nicht das Bergdorf, sondern es sind dessen unterschiedliche filmische Repräsentationen – inklusive jener der Künstlerin – und das, was durch die Konfrontation gegenläufiger Darstellungsweisen möglicherweise aufscheint.

Auch der Ton wird über verschiedene ineinander verschachtelte Ebenen organisiert. Sie umfassen O-Töne aus den Filmen, englische Übersetzungen der Filmdialoge, die direkt während der Sichtung bzw. des Abfilmens der Filme eingesprochene wurden, sowie Interviewfragmente.

Bild und Ton werden in A Tale of Stone and Wood nur selten einheitlich organisiert. So bezieht sich der aus dem Off gesprochene Kommentar zu einem Film nicht immer auf jenen, von dem man gerade einen Ausschnitt zu sehen bekommt. Sommer verunsichert die Beziehung zwischen Bild und Bedeutung beziehungsweise fordert ein prinzipielles Misstrauen gegenüber eindeutigen Lesweisen ein.

Immer wieder stößt uns Sommer zudem auf den Prozess der Übertragung und Übersetzung: Die Ausschnitte aus den in Kovatchevitsa gedrehten Filmen werden von unterschiedlichen analogen wie digitalen Interfaces abgefilmt oder werden als vom Internet heruntergeladene Fernsehkopien aufgegriffen. Die Inhalte der Filme werden wiederum durch die interviewten Personen aus dem Gedächtnis heraus wiedergegeben: Erinnerungen, in die sich nicht nur Lücken einschreiben, sondern die auch von Anmerkungen zu persönlichen Erlebnissen sowie zur bulgarischen Geschichte durchkreuzt werden. Zudem wird der Akt des Übersetzens auf vielerlei Ebenen immer wieder direkt ins Spiel gebracht.

Erzählweisen

In A Tale of Stone and Wood durchkreuzen sich die verschiedenen Erzähl- und Metaerzählebenen permanent. Nie kann man sicher sein, wo man sich gerade befindet: Vor einem Monitor, in einem Spielfilm oder zwischen zwei verschiedenen Filmen, in einem Archiv, in einer aktuellen Situation in Kovatchevitsa – in Realität oder Fiktion, Vergangenheit oder Gegenwart.

So führt uns diese Arbeit in unterschiedlichen Bewegungen von einem Dorf und dessen verschiedenen filmischen wie sprachlichen Repräsentationen zu Fragen des Filmemachens selbst und dessen veralteten wie neuen Techniken, zu Bedingungen und Prozessen der Recherche und Produktion, zu Strukturen der Übersetzung und Übertragung, zur Konstruktion von Geschichtlichkeit, Machtpolitik, Identität und Erinnerung. Dabei legt Sommer stets die Position und Strukturen ihrer eigenen Erzählweise, das heißt den eigenen Blick auf einen ihr fremden Gegenstand, sowie die eigenen Techniken der Konstruktion und Dekonstruktion von Erzählung frei. Auf diese Weise führt sie Momente der Angreifbarkeit ein, ist sie sich doch des Dilemmas der eigenen Produktion im Hinblick auf die Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses bewusst: „Ich sammle die Aussagen der Leute über Filme, lasse sie mir ihre Geschichten erzählen … und am Ende lege ich durch meine Filter und mein Editieren das Ergebnis ihrer Erinnerungen fest.“2

Im Gegensatz zu einigen anderen Videoarbeiten der Künstlerin hat A Tale of Stone and Wood einen klaren Anfang und ein klares Ende, ist dazwischen jedoch von Schleifen und Wendungen durchzogen, die vom Bergdorf weg immer wieder zu ihm hinführen. Doch das Dorf, das nur mehr als Bild im Bild im Bild erscheint, soll hier nicht in seiner Tatsächlichkeit herausgeschält werden, sondern figuriert als eine mit Ideologien, Erinnerungen, Mythen und anderen Projektionen überfrachtete Leerstelle, als eine Passage, an der sich die realen wie fiktiven historischen Narrative – von der osmanischen zur kommunistischen zur postkommunistischen Ära – und deren Interpretationen in all ihrer Widersprüchlichkeit ab- und überlagern. An einer Stelle wird erzählt, dass es im Dorf einen Brunnen gibt, der auf Grund seiner Inschrift als ein über 200 Jahre altes Relikt gilt. Er wurde für die Dreharbeiten zu Measure by Measure gebaut.

1 http://www. kovachevica.com/en

2 Aus einer e-mail der Künstlerin vom 4. August 2009

Helene Sommer, A Tale of Stone and Wood

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