7 Islands and a Metro

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2002
7 Islands and a Metro © Madhusree Dutta
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Utopie: 1973

1973. Ich war eine Studentin in einem südasiatischen Land – Indien. Heute – dank unserer Nähe zu Afghanistan – sind wir nicht so weit entfernt vom Rest der Welt.

1973 kannte ich das Wort Utopie nicht, niemand in meiner Umgebung kannte es. Weder die Geburt der Utopie noch ihr letztendlicher Tod wurden in meiner Welt registriert. Ist Utopie ein englisches Wort? Ein deutsches oder französisches? Auf jeden Fall ist es ein Wort, eine Kultur aus der europäischen Wirklichkeit. Während des Zweiten Weltkriegs kämpfte mein Land für die Unabhängigkeit von den Briten. Der zentrale Akteur dieses Unabhängigkeitskampfes war Gandhis Nationalkongress, eine Partei mit einem eindeutig nationalistischen Programm. Sie lehnte es ab, gegen Deutschland zu opponieren, da Großbritannien ihr wesentlicher und einziger Feind war. Indiens kommunistische Partei rief dazu auf, die Briten bei ihrem Kampf gegen den Faschismus zu unterstützen. Sie wurde daraufhin als antinationalistisch beschimpft, ein Schlag, von dem sie sich nie wieder erholt hat. Der Nationalkongress regierte das demokratische Indien – bis auf  18 Monate – die nächsten 50 Jahre. Litten die Kommunisten an Utopie? Eine allgemein beliebte Verspottung war: Wenn es in Osteuropa regnet, spannen sie hier in Indien den Schirm auf.

1973 gab es groß angelegten Eisenbahnerstreik. Das indische Schienennetz ist möglicherweise das größte der Welt. Der Anführer des Streiks, ein Sozialist, wurde zum Volkshelden. Er war mein erstes ideologisches Vorbild. Zurzeit ist er Verteidigungsminister der fremdenfeindlichen Regierung Indiens und droht den Nachbarstaaten jeden Morgen mit einem Atomschlag. Das ist bei Weitem schlimmer als hinter persönliche Verfehlungen des eigenen Jugendidols zu kommen.

1975. Wir lernten das Wort Faschismus. Die damalige Premierministerin Indira Gandhi rief den Aus- nahmezustand aus und setzte damit sämtliche verfassungsmäßigen Rechte der BürgerInnen außer Kraft. Intellektuelle, KünstlerInnen, StudentInnen und AkademikerInnen wurden verhaftet und häufig auch in den Gefängniszellen massakriert. Die mutigeren StudentInnen versammelten sich in Vorratskellern im schwülen Kalkutta, wo nach sowjetischem Vorbild Arbeitsgruppen gebildet wurden. Genosse! – irgendein Unbekannter fragte mich nach der Wasserflasche. Genosse, so  redeten sie sich also überall auf der Welt an. Wir lernten, die Internationale auf Englisch und auf Bengalisch zu singen. Einige fortgeschrittene GenossInnen konnten sogar die russische Version. Die andere Fraktion der Studentenbewegung schrieb mit blutroter Farbe auf Backsteinwände: Der chinesische Vorsitzende ist unser Vorsitzender! Wir lieferten uns in der Mensa  heftige Kämpfe – China oder Russland. Freundschaften und Beziehungen entstanden und zerbrachen dadurch. Am Tag vor der Abschlussprüfung weigerte sich meine beste Freundin, ihre Vorlesungsunterlagen mit mir zu teilen – einer Klassenfeindin wie mir wollte sie nicht helfen. Ich war dafür bekannt, den Sowjets gegenüber nachgiebig zu sein, wenn auch nur wegen ihrer literarischen Größen. Kurz: Wir fühlten uns alle zugehörig.

21. Juni 2001. Ich saß in einem Café in St. Petersburg, Russland. Ich nahm an dem internationalen Filmfestival „Message to Man“ teil. Mein Dokumentarfilm war am Tag zuvor gelaufen – wie üblich in einem halb leeren Saal. An diesem Tag war der Saal aber brechend voll. Die Polizei hielt eine riesige Menschenmenge vor dem Auditorium in Schach. Leni Riefenstahl sollte am Abend von den Verantwortlichen des Festivals geehrt werden. Ganz St. Petersburg wollte einen Blick auf diese Legende werfen. Völlig durcheinander fragte ich mich, ob ich mich in einem lebenslänglichen Jetlag befinde. Ich nahm ein Boulevardblatt in die Hand, eine der wenigen englischen Zeitungen, die in St. Petersburg (dem ehemaligen Leningrad) zu bekommen sind. Es war voller kleiner Anekdoten über die Belagerung Leningrads durch Hitler 1942. Die Stadt bereitete sich auf ihr Jubiläum am nächsten Tag vor! In einer Klatschkolumne wurde der gängigen Meinung widersprochen, Stalin sei über Hitlers Verrat und den Angriff auf Leningrad so bekümmert gewesen, dass er eine Woche lang seinen Staatsgeschäften nicht nachgehen konnte – was Hitlers Einmarsch in Leningrad ermöglichte. Denn das kürzlich der Öffentlichkeit zugänglich gemachte Gästebuch des Kremls, so der Bericht weiter, zeige, dass Stalin an dem Morgen seine üblichen Termine wahrgenommen habe. Nun geht es darum, ob ein kleiner großer Mann mit seinem untreuen Verhalten das Herz eines anderen kleinen großen Mannes brach oder nicht! Die Utopie starb. Aber war ich jemals ein Teil der Geschichte der Utopie? Oder ist mein Zugehörigkeitsgefühl zur Kultur der Utopie selbst die größte Utopie? Die Party mag vorbei sein – aber ich wurde auch gar nicht eingeladen.

Wo befinde ich mich
Ziemlich nahe an den AfghanInnen –
Oh! Bitte hört mir zu
Wir haben auch Atombomben
Und während meiner ganzen Jugend
Versuchte ich ein Hemd wie deines zu nähen
Utopie, du hast die Marke genannt
War sie Schwarzweiß oder Farbe?

Autor des Textes

Madhusree Dutta

Eine von vier Videoarbeiten zu „Lunch in the ashes“, Container Installation, ausgestellt in Tornitz und Werkleitz, Video, ca. 5 min.

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